…everything’s falling into shape.

Tübinger Saxophon-Ensemble im Kloster Bebenhausen

19.Juni 2007 by Matt

Seit 10 Jahren schon besteht das Tübinger Saxophon-Ensemble, das 1997 aus dem Quartett “Saxtett Tübingen” hervorging. Am Sonntag, 17.06.2007 gaben die mittlerweile 17 Saxophinisten im Sommer-Refektorium des Klosters Bebenhausen unter der Leitung von Harry D. Bath ihr Jubiläumskonzert, zu dem auch die international ausgezeichnete Trompeterin Maja Helmes als Solistin eingeladen war. Eine Besonderheit der Veranstaltung war zudem die Uraufführung des eigens für das Ensemble komponierten Werkes “Im Schatten Heiliger Bäume” von Rolf Rudin.

Saxophon als klassisches Orchesterinstrument

Dass es „in Sachen Klangfarbe und Volumen einem Sinfonieorchester ins nichts nachstehe“, schreibt das Schwäbische Tagblatt und man glaubt zunächst, die emphatischen Übertreibung einer schwäbischen Kleinstadtzeitung zu vernehmen - bis man mit eigenen Ohren gehört hat, dass ein Saxophon tatsächlich nicht nur Soloinstrument für rauchige Jazzkneipen ist. Nur um einmal mehr das gängige Klischee zu bemühen. Das erklärte Ziel des Tübinger Ensembles ist es, das Saxophon als klassisches Instrument wieder bekannter zu machen und seiner ursprünglichen Konzeption als Orchesterinstrument gerecht zu werden: Adolphe Sax, der Erfinder des Saxophons, gab 1844 sein erstes öffentliches Konzert (”Hymne Sacré” von Berlioz) in einem Sextett und kurz darauf wurde auf Initiative Rossinis das Saxophon als Instrument am Konservatorium von Bologna eingeführt.

Gioachino Rossinis L’Italiana in Algeri

Mit Gioachino Rossini begann dann auch das Jubiläums-Konzert. Die Ouvertüre zur “Italienerin in Algier” im eigenen Arrangement des Ensembles bildete den Auftakt des Konzertes. Hier musste sich auch dem skeptischsten Besucher eröffnen, was mit “Klangfarbe und Volumen” eines Sinfonieorchesters gemeint ist. Während das volle Stimmenspektrum vom obertonreichen Bass über Tenor bis zum kräftig führenden Sopran für die orchestrale Fülle sorgte, überraschte der filigrane sinfonische Klang und die differenzierte Dynamik das an jazzig röhrenden Saxophonsound gewöhnte Ohr.

Händel-Konzert mit Trompeten-Solistin Maja Helmes

Dass ein für Oboe und Streicher konzipiertes Konzert von Händel neu arrangiert für Trompete und Saxophon durchaus überzeugend klingen kann, bewies das Ensemble zusammen mit der Solistin Maja Helmes. Zwar ist es sicher nicht die Absicht der Musiker, die Instrumente der originalen Orchesterbesetzung zu imitieren - so klingt denn eine Piccolotrompete auch ungleich härter als eine Oboe - doch erstaunt es nicht wenig, wie nahe das Zusammenspiel der Saxophone dem Klang eines Streichorchesters kommen kann.

Uraufführung: Rolf Rudins Im Schatten heiliger Bäume

Den angekündigten Höhepunkt des Konzertes bildete die Uraufführung von Rolf Rudins Werk “Im Schatten heiliger Bäume”. Für die Musiker technisch von höchstem Anspruch stellte es auch recht hohe Anforderungen an das klangliche Empfinden der Zuhörer. Ruhige, choralhafte Akkordfolgen werden immer wieder unterbrochen durch kräftige dissonante und zeitweise fast aggressiv wirkende Figuren. Der klanglichen Schwierigkeit steht jedoch eine Klarheit im Aufbau gegenüber, welche die Orientierung in der zunächst verwirrend wirkenden Dichte des Werkes erleichtert: Repetitive Figuren und Themen verleihen ihm Struktur und formale Übersichtlichkeit ohne dabei seine Komplexität zu mindern.

Erläuterungen des Komponisten und Interpretation

Sehr interessant und aufschlussreich waren die Erläuterungen, die Rolf Rudin vor der Aufführung seines Werkes persönlich gab: So spielten etwa auf der Produktionsseite klangliche Assoziationen zu einem literarischen und religiösen Thema eine große Rolle. Ein chinesisches Gedicht aus dem 8. Jahrhundert (aus der Tang-Dynastie, in der sich der Buddhismus in China durchsetzte) inspirierte Rudin, die von ihm beim Lesen empfundenen Atmosphären musikalisch umzusetzen, sie in der Musik zu transportieren, um sie wiederum beim Zuhörer als klangliche Assoziationen zu erwecken. Wie die ruhige und harmonische Atmosphäre eines Gedichts von zwei wortlos sitzenden Menschen in einer kühlen Mondnacht solchermaßen dissonante, von Motiv-Durchbrechungen und chaotisch anmutender Komplexität gezeichnete Klänge assoziieren kann, wäre ohne Rudins Erklärung nur schwer nachvollziehbar. Er jedoch wagt den kulturübergreifenden Sprung von der friedlichen kontemplativ-meditativen Nachtwache unter heiligen Bäumen hin zur von verzweifelten Gebeten erfüllten Nachtwache Christi im Garten Gethsemane. Verzeiflung und Hoffnung prägen diese Nacht gleichermaßen, immer wieder kehrt Jesus zu den schlafenden Jüngern zurück mit der Bitte, sie mögen mit ihm wachen, immer wieder wird seine Hoffnung enttäuscht. Diese Dialektik von Verzweiflung und Hoffnung würde allein schon genügen, um die Struktur der “Heiligen Bäume” theoretisch zu verdeutlichen und zu erklären. Die Übertragung des Themas der Nachtwache aus dem asiatisch-buddhistischen Kontext in den abendländisch-christlichen Bereich und die damit verbundene Bedeutungsverschiebung jedoch macht den Vorgang der Assoziation und Interpretation selbst sichtbar und schreibt so einen literarischen Rezeptionsvorgang formal in die Produktion eines musikalischen Werkes ein. Rudin betonte die Wichtigkeit des Autors, dessen persönliche Intention bei der Interpretation musikalischer Werke oft zu kurz käme - und seine Erläuterungen bezeugten, dass hinter dieser Aussage mehr steckt als die Eitelkeit eines Komponisten.

Wenn auch der Spannungsbogen nach der Aufführung der “Heiligen Bäume” und nach der anschließenden Pause im Gegenteil zur ersten Hälfte recht flach verlief, hatten die Zuhörer im Gesamten doch ein sehr gelungenes und faszinierendes Konzert gehört und bedachten die Musiker mit dem verdienten langanhaltenden Applaus.

______
Das Gedicht, das Rudin inspirierte:

Um Mitternacht
Die Wasseruhr im Schlosse gibt drei Schläge zur halben Nacht.
Der kühle Mond füllt Pinien und Bambus, der Wind geht sacht.
Zwei Menschen sitzen still und ohne Worte um Mitternacht.
Sie haben sie im Schatten heil’ger Bäume herangewacht.

China, Bo Djü-i (772-846)

Popularity: 57% [?]

Posted in Tübingen und Umgebung, Kunst und Kultur, Musik

Kommentar hinterlassen